Noch bis 1862 bestanden auf unserem heutigen Bezirksgebiet drei Vorstädte. Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts gab es keine wesentlichen Unterschiede für das Leben der arbeitenden Bevölkerung: In den drei Siedlungsgebieten lebten die Menschen von ihrer Tätigkeit als Gärtner und Bauern; nur im Weißgerbergebiet siedelten darüber hinaus Gerber, Lederer, Kürschner und eine auffallend große Anzahl von Menschen, die mit der Fleischverarbeitung im weitesten Sinn ihr Brot verdienten. Während der Regierungszeit Maria Theresias kamen englische Kleinunternehmer nach Erdberg, wo sie die ersten Manufakturen einrichteten, womit die Zeit der lohnabhängigen Arbeiterschaft begann. Einhundert Jahre später wandelten sich nach und nach die Lebensumstände der Bewohner: In der Vorstadt Landstraße waren mehrere Adelspaläste entstanden, in denen "Leute vom Grund" Beschäftigung fanden, und Beamte schätzten diese Wohngegend. Im in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entstehenden Fasanviertel siedelten sich sehr viele aus Böhmen und Mähren eingewanderte Arbeiter an. Im Weißgerberviertel wohnten hauptsächlich Beamte und Kaufleute, und ab 1870 siedelten sich hier sehr viele jüdische Familien, die aus den Kronländern gekommen waren, an.

kapskutscher
Standplatz der Erdberger Kapskutscher um 1900

In Erdberg entstanden ab den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts Industriebetriebe (z. B. Ditmar und Siemens-Schuckert), wodurch sowohl Facharbeiter, aber in der Mehrzahl ungelernte Arbeitskräfte angezogen wurden. Zur selben Zeit entstand hier auch das Kapsgewerbe, das den Transport von Schüttgut (Erde, Schotter u. dgl.) für das Bauwirtschaft übernahm. Die Kapskutscher hatten ihren Standplatz vor der Erdberger Pfarrkirche. Ab den Achtzigerjahren wechselten viele von ihnen ins Fiakergewerbe. Darüber hinaus muss erwähnt werden,dass in allen drei ehemaligen Vorstädten natürlich das nahversorgende Handwerk vertreten war. Die Mehrzahl der Arbeiter waren Analphabeten oder konnten gerade noch ihren Namen schreiben. Im Juni des Revolutionsjahres 1848 wurde deshalb vom Buchbindergesellen Friedrich Sander im Gasthaus Fürstenhof (heute etwa Beatrixgasse 19) der erste Allgemeine Arbeiterverein gegründet, dessen Programm lautete: Belehrung durch leichtfassliche Vorträge, Förderung der Bildung durch eine Bibliothek, Förderung der Geselligkeit durch einen Gesangsverein und Deklamationen. Schon im Oktober wurde der Verein von der Staatsmacht verboten und aufgelöst. Der Hunger nach Bildung unter den Arbeitern ließ sich aber nicht auf die Dauer verbieten, und in den Sechzigerjahren entstanden schließlich überall in Wien Arbeiterbildungsvereine, die heute als Vorläufer der Sozialdemokratie angesehen werden können.